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Schriftstücke von Linda Werner

DDR-Geschichten: Der Film „Tannbach“ und das Dorf Mödlareuth

Am 3. Oktober ist der Tag der Deutschen Einheit. Ein Feiertag in ganz Deutschland. Anlass genug für mich, um das Thema Ost und West künftig hier etwas mehr in meinen Fokus zu nehmen.

Der Osten hat ein bestimmtes Gesicht. Kommt man vom Westen in den Osten, verändert sich zum Beispiel die Architektur. Man wird dem ein oder anderen Grenzturm begegnen. Besonders in den ehemaligen Grenzgebieten erinnern Museen, Schilder und alte Grenzkontrollstationen an die bedrückende Geschichte. Im Grenzlandmuseum Mödlareuth steht außerdem ein alter sowjetischer Panzer.

Geteilt durch eine Mauer

Das Dorf Mödlareuth war – wie die Stadt Berlin – geteilt. Sogar eine Mauer gab es in Mödlareuth, allerdings keinen Checkpoint. Über 37 Jahre lang konnten die Dorfbewohner nicht legal über die Grenze gehen, um zum Beispiel Familienmitglieder und Freunde aus dem anderen Ortsteil zu besuchen. Auf der Ostseite herrschte Sperrgebiet und auf der Westseite oft Besucherandrang, um einen Blick zu erhaschen. Zuwinken und Zurufe waren verboten.

Verfilmtes Schicksal

Dieser bewegende und äußerst schmerzhafte Teil der Dorfgeschichte wird im sechsteiligen ZDF-Fernsehfilm „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ versucht nachzuerzählen. Der im Jahr 2015 erschiene Film handelt von dem fiktiven Dorf „Tannbach“, das wie Mödlareuth an der bayerisch-thüringischen Grenze liegt. Der Bach Tannbach gilt auch außerhalb der Filmgeschichte als Grenze. Der Mehrteiler ist ein Versuch, die traumatischen Erlebnisse der Menschen sichtbar zu machen, so bekommen sie eine Gestalt – ein Gesicht.

Heilung durch Spiegelung

Filme geben uns als Zuschauende die Gelegenheit, dass wir uns mit einzelnen Schicksalen vergleichen, über sie ins Gespräch kommen. Wir werden angeregt, uns mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Die Schauspieler halten uns einen Spiegel vor und ihre Rollen können in uns etwas in Schwingung bringen. Wir schauen nicht emotionslos in die Röhre – wir leiden und fiebern mit.  

Ende der Verdrängung?

So wird im besten Fall ein Heilungsprozess angestoßen: verdrängte Erlebnisse treten an die Oberfläche, da sie in Resonanz kommen. Erlauben wir uns dann, auch unsere Trauer und unseren Schmerz zuzulassen, können die damit einhergehenden Tränen reinigende Wirkung haben. Es ist hilfreich, wenn wir uns im nächsten Schritt auch erlauben, Ordnung in unser eigenes System zu bringen.

Was zu mir gehört heilen – was nicht zu mir gehört abgeben

Ordnung gelingt zum Beispiel, wenn wir das Empfundene genauer anschauen: gehört es wirklich zu meiner Lebenserfahrung? Oder gehört die Trauer im Grunde zu Tante X, die einen Verlust zu beklagen hatte? Übernehme ich ihr Leid und mache es zu meinem? Dann ist es für alle Beteiligten heilsam, wenn es bei der Person belassen wird, zu der es auch wirklich gehört. Sonst beschwert man sich unnötig, und es hilft der anderen Person in keiner Weise, ihr Schicksal zu tragen.

Geteiltes Leid = doppeltes Leiden

Die Rechnung geteiltes Leid ist halbes Leid stimmt nämlich nicht. In Wirklichkeit verdoppelt es sich. Lasse ich das Leid achtungsvoll beim anderen und traue der Person zu, dass es irgendwann überwunden werden kann, dann kann etwas in Bewegung kommen. Ansonsten schwäche ich den anderen und es bewegt sich nichts.

Mitgefühl zu haben hingegen ist völlig ausreichend und angemessen – so nehmen wir Anteil, bleiben dennoch bei unseren eigenen Herausforderungen – denn wir alle haben eine persönliche Lebensgeschichte.

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